Die „dummen FPÖ-WählerInnen?!“ Prekäre Arbeitsverhältnisse als Ursache für Wahlentscheidungen.

Gerade in Zeiten, in denen die FPÖ bei nahezu allen Wahlen stark an Stimmen gewinnt, so dass sogar das reale Risiko eines Bundespräsidenten Norbert Hofer im Raum steht und die ehemals stärkste Partei des Landes auf 11,3 Prozent gefallen ist, sollte Ursachenforschung betrieben werden.

Denn für diese Entwicklung gibt es Gründe, die weit über Menschen auf der Flucht hinausgehen. Das zeigt sich alleine schon an der Tatsache, dass sie nicht erst letzten Sommer, sondern schon vor Jahren begonnen hat. Auch die „verbesserungswürdige Kommunikation“ und Vermarktungsstrategie anderer Parteien kann nicht die Hauptursache sein, dafür verfolgen das tagespolitische Geschehen schlicht viel weniger Menschen als meist angenommen wird.

Gründe sind dort zu suchen, wo die realen Lebensbedingungen der Menschen am stärksten beeinflusst werden, wo sie ihre meiste Zeit verbringen und worauf sie angewiesen sind: Beim Arbeitsplatz oder dem Fehlen eines solchen. Das sollte eigentlich auf der Hand liegen, wissen wir doch alle, wie viele Gedanken und Raum unsere Arbeit nicht nur während der Arbeitszeit einnimmt, wie sehr wir unter einem schlechten Arbeitsklima leiden und wie gut es uns tut, wenn wir Lob und Anerkennung für unsere Arbeit bekommen.

Unser Arbeitsplatz finanziert unser Leben, sichert uns bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und im Alter ab und gibt uns Stabilität und Sicherheit. So kennen es die Älteren von uns im Rückblick oder wir Jüngeren aus den Erzählungen unserer Eltern. Einige von uns werden aber auch schon erfahren haben, wie belastend es ist nicht zu wissen, wie die Nachzahlung für Strom und Gas beglichen werden soll, wie hoch die bezahlte Stundenanzahl im nächsten Monat und damit auch der Verdienst ausfällt, ob man nach Ende der Befristung verlängert wird, oder in absehbarer Zeit wieder etwas Neues findet.

Prekär beschäftigt zu sein bedeutet in Unsicherheit leben zu müssen

Nicht zu wissen ob das Geld reicht, wie lange ich meine Arbeit noch habe und Angst davor haben zu müssen wegen einer Grippe einmal 14 Tage auszufallen und dadurch ein halbes Monatsgehalt zu verlieren. Die Unsicherheit die wir in diesen Momenten erleben macht mitunter panisch und lässt an der eigenen Perspektive zweifeln. Kaum eine Entscheidung kann dann noch unabhängig von Kalkulationen und sich daraus ergebenden Befürchtungen getroffen werden, der Weg zum AMS bietet bei der derzeitigen Höchstarbeitslosigkeit für viele leider auch wenig Hoffnung.

Bestätigt werden die Auswirkungen von prekären Arbeitsbedingungen auch durch einige Studien wie beispielsweise jene der Bertelsmann Stiftung von 2013, die zu dem klaren Ergebnis gekommen ist, dass je prekärer die soziale Situation, also das Einkommen und die soziale Absicherung, desto niedriger auch die Wahlbeteiligung. Menschen aus sozialen Schichten mit hoher Arbeitslosigkeit und geringerer Bildung gehen zudem seltener wählen und haben darum „unverhältnismäßig wenig Einfluss auf das Wahlergebnis“.

So hat sich diese Ungleichheit zwischen den sozialen Schichten in der Wahlbeteiligung in den vergangenen vier Jahrzehnten in Deutschland sogar verdreifacht. Noch nie war das Gefälle in der Wahlbeteiligung nach Gesichtspunkten von Arbeitslosigkeit, Kaufkraft und Bildung so groß. Und die meisten WählerInnen hat die SPÖ in Österreich bekanntlich an die Gruppe der Nicht-WählerInnen verloren.

Wahlverhalten und Bildung

Nun zu denen die wählen. Ein nicht unerheblicher Teil der vormaligen SPÖ-WählerInnen ist zur FPÖ abgewandert und dieser Teil schmerzt besonders, handelt es sich doch WählerInnen aus den sogenannten Arbeiterbezirken, Gemeindebauten und um junge Männer – also eigentlich „klassisches“ SPÖ-Klientel.

Insbesondere in den letzten Wochen wurde das Bildungsniveau der FPÖ-WählerInnen wieder verstärkt diskutiert. „Die ohne Matura wählen die FPÖ“ wurde verlautbart. Damit wurde auch unterstellt, Menschen würden die FPÖ wählen, weil sie dumm wären. Selbst die von mir hoch geschätzte Christine Nöstlinger wirft ihnen „Denkfaulheit“ und geringe Bildung vor.

Das ist kurzsichtig, wissen wir doch, dass Bildung und Intellekt nicht unbedingt miteinander einhergehen und in Österreich maßgeblich das Bildungsniveau und die ökonomischen Möglichkeiten der Eltern dafür ausschlaggebend sind, wie sich jenes der Kinder entwickelt. Die Schuld für geringe Bildung darf nicht nur bei den Kindern und Eltern gesucht werden, sondern auch in einem Bildungssystem, dass erst sehr früh separiert und dann aussortiert. Wer dabei „auf der Strecke“ bleibt ist nicht zu beschuldigen, im Gegenteil – dem oder derjenigen sollte besondere Unterstützung geboten werden.

Ich halte das daher schlicht für eine reine Symptomdebatte. Ich denke es ist der soziale Status der dafür verantwortlich ist, wie sich Menschen bei Wahlen entscheiden und dass sozial schlecht gestellte Menschen hierbei auch Auswege aus ihrem berechtigten Frust suchen. Es war sicher einer der größten Fehler in der Vergangenheit, dass zu lange schöngeredet wurde, was offensichtlich war. Dass junge Menschen heute einen viel schwereren Einstieg ins Berufsleben haben als die Generationen vor ihnen. Dass sogenannte „schwache“ Gruppen am Arbeitsmarkt, seien es junge, alte, schlecht ausgebildete oder Menschen mit Migrationsgeschichte, unter einem erschwerten Zugang zu ihren ArbeitnehmerInnen-Rechten leiden und sich nicht ausreichend vertreten fühlen.

Wenn wir also wollen, dass sich diese Menschen zukünftig bei Wahlen anders entscheiden und sich nicht von denen ködern lassen, deren Politik sich dann erst recht gegen sie richtet, dann müssen wir diese Menschen vor allem ernst nehmen und nicht mit dem Finger auf sie zeigen.

Menschen auf Augenhöhe begegnen und keine Schuldumkehr betreiben

Nicht diejenigen, die berechtigte Angst vor dem sozialen Abstieg haben sind die Schuldigen, sondern diejenigen, die auf ihre ererbten Privilegien und ihren Elitarismus beharren, nach unten treten um ihre Pfründe zu verteidigen und die Schuld und Verantwortung auf die schwächsten in unserer Gesellschaft delegieren. Es sind nicht die sogenannten „kleinen Männer“, die in der FPÖ die Fäden ziehen und sie betreiben auch keine Politik für besagte, sie bereichern sich vor allem selbst.

Aber einen schwerwiegenden Fehler begehen sie dabei nicht: Sie zeigen ihren Hohn und ihre Verachtung nicht für diejenigen, die sie wählen. Daran sollten sich so manche der „Wir sind nicht für alle da“-Fraktion ein Beispiel nehmen und wir sollten an eines denken – Das Fressen kommt immer zuerst. Wer Angst hat teilt nicht gern und wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der die Menschen miteinander leben und nicht aufeinander losgehen, dann müssen wir bei dem beginnen was die Existenzgrundlage von fast allen von uns ist: dem Arbeitsplatz und den Bedingungen die dort vorherrschen.